Editorial
Geschätzte Leserinnen und Leser

„Die Menschenrechte sind das wirksamste Instrument, das wir haben, um denen eine Stimme zu geben, die keine Macht haben, um den Mächtigen die Wahrheit zu sagen und um sicherzustellen, dass sie verstehen: Ja, Macht hat ihre Grenzen." — Volker Türk, UN-Hochkommissar für Menschenrechte
Wer diese Worte liest und auf die Welt schaut, kann sich dem Eindruck kaum entziehen, dass die Grenzen der Macht derzeit auf eine harte Probe gestellt werden. Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten, Millionen von Geflüchteten, die an Europas Grenzen warten, Aushöhlung rechtsstaatlicher Garantien selbst in etablierten Demokratien. Die Menschenrechte sind keine Selbstverständlichkeit, sondern täglich neu umkämpftes Terrain.
In Europa wächst der Druck auf unabhängige Gerichte, auf die Medienfreiheit und auf den Schutz von Minderheiten. Die Bereitschaft, Schutzsuchende mit Würde zu empfangen, ist ungleich verteilt. Je nach Herkunftsland der Fliehenden, wie das UN-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR wiederholt kritisiert hat. Und selbst dort, wo keine Bomben fallen, zeigen internationale Gremien wie der Europarat immer wieder: Auch demokratische Staaten müssen sich die unbequeme Frage stellen, ob ihre Institutionen, Gesetze und Praktiken wirklich den Menschen schützen. Auch Liechtenstein ist Teil dieser grossen Debatte. Verschiedene internationale und europäische Menschenrechtsgremien haben im vergangenen Jahr konkrete Verbesserungen eingefordert: beim Schutz vor Korruption, bei der Bekämpfung von Menschenhandel, bei den Haftbedingungen, bei der Gleichstellung. Das ist kein Makel, sondern das Funktionieren eines Systems, das Rechenschaft einfordert. Liechtenstein sollte diese Prüfungen ernst nehmen und sich bemühen, die daraus entwickelten Empfehlungen umsetzen.
Der vorliegende Jahresbericht dokumentiert die Lage der Menschenrechte in Liechtenstein. Er ist kein abschliessender Bericht, sondern ein wiederkehrendes Dokument zur Auseinandersetzung, zur Verbesserung und zum Engagement für die Menschenrechte in Liechtenstein. Denn Menschenrechte brauchen nicht nur Gesetze. Sie brauchen Menschen, die sie einfordern, verteidigen und für sie eintreten, auch in Liechtenstein.
Ich wünsche Ihnen eine interessante Lektüre!
Schaan, im Mai 2026

Wilfried Marxer, Präsident
